Das seit über 25 Jahren laufende Projekt ermöglicht eine fortlaufende Begleitung der Lehramtsabsolventinnen und ‑absolventen und damit einzigartige Einblicke in berufliche Entwicklungsprozesse – von der beruflichen Situation bis hin zu subjektiven Merkmalen beruflichen Erfolgs wie dem Belastungserleben und der Begeisterung für den Beruf. Anders als Querschnittstudien kann die Langzeitstudie individuelle Karriereverläufe, berufliche Wendepunkte und langfristige Faktoren für eine hohe Zufriedenheit und Motivation im Beruf sowie für das Belastungserleben identifizieren.
An dieser Stelle stellen wir eine Auswahl an Ergebnissen aus dem Projekt vor. Bei den nachfolgenden Ergebnissen stützen wir uns primär auf die Daten der letzten Befragungen in den Jahren 2020 (t11) und 2022 (t12) und beziehen außerdem Daten früherer Messzeitpunkte ein, um längsschnittliche Entwicklungen aufzuzeigen.
1 STICHPROBE
Im Frühjahr 2022 wurde im Projekt Wege im Beruf die zwölfte Befragung (t12) realisiert, an der 370 Lehramtsabsolventinnen und ‑absolventen teilnahmen. Zum Zeitpunkt der Erhebung waren die Teilnehmenden im Mittel 52 Jahre alt (M = 52, SD = 2.73). Davon waren rund drei Viertel weiblich (76.2 %). Während rund 60 % Grund- und Hauptschullehramt studiert haben, studierten die übrigen 40 % Realschullehramt. Bemessen an der ersten schriftlichen Befragung im Jahr 2000 (t2) entspricht dies noch 37.9 % der damaligen Stichprobe. Über den langen Untersuchungszeitraum von mehr als 20 Jahren haben 175 Personen an allen schriftlichen Befragungen teilgenommen.
LETZTEN BEFRAGUNG
TEILNEHMENDEN
ALLEN BEFRAGUNGEN
Im Rahmen des Projekts interessiert uns einerseits die berufliche Situation der teilnehmenden Lehramtsabsolventinnen und ‑absolventen sowie deren subjektiver beruflicher Erfolg. Zu beiden Aspekten werden im Folgenden Ergebnisse präsentiert.
2 BERUFLICHE SITUATION
Ein zentrales Ergebnis des Projekts ist die Vielfalt beruflicher Wege nach dem Lehramtsstudium. Der berufliche Verbleib der Lehramtsabsolventinnen und ‑absolventen gestaltet sich sehr unterschiedlich: Während die Mehrheit im Lehrerberuf tätig ist, haben einige Absolventinnen und Absolventen alternative Karrierewege eingeschlagen. Dies wird in Abbildung 2 deutlich.
Interessant ist die Entwicklung über die Zeit: In den ersten Jahren nach Studienabschluss war der Anteil der im Lehrerberuf Tätigen am niedrigsten – ein Spiegelbild der damals angespannten Arbeitsmarktsituation für Lehrkräfte. Seit 2012 (t7) ist der Anteil an Lehrpersonen in der Stichprobe weitgehend stabil geblieben. Zum letzten Befragungszeitpunkt im Jahr 2022 waren 77.3 % der Befragten im Lehrerberuf tätig. Im Vergleich zur vorherigen Befragung ist der Anteil leicht gesunken (-1.6 %).
DIE BERUFLICHE SITUATION DER LEHRPERSONEN
Die im Lehrerberuf tätigen Absolventinnen und Absolventen verfügen zum letzten Befragungszeitpunkt über eine umfassende Berufserfahrung im Schuldienst (M = 21.92, SD = 3.52). Etwa jede zehnte Person hat inzwischen eine Schulleitungsfunktion inne (10.2 %). Die Lehrkräfte unterrichten überwiegend an Grundschulen (44.7 %), Realschulen (33.1 %) und Gemeinschaftsschulen (10.2 %). Entsprechend werden die Klassenstufen 1 bis 4 (46.8 %) sowie 5 bis 9 (50.7 %) am häufigsten unterrichtet. Das Deputat der Lehrpersonen variiert zwischen 2 und 28 Stunden (M = 20.66, SD = 6.05), während die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit bei 37 Stunden liegt (SD = 10.21, Min = 6, Max = 76).
BERUFLICHE SITUATION DER AUSSERHALB DES LEHRERBERUFS TÄTIGEN ABSOLVENTINNEN UND ABSOLVENTEN
Die 22.7 % der Lehramtsabsolventinnen und ‑absolventen, die außerhalb des Lehrerberufs tätig sind, weisen ein breites Spektrum an beruflichen Tätigkeiten auf. Einige haben Positionen im Bildungsbereich eingenommen, die jedoch außerhalb des klassischen Schuldienstes – etwa in der Schulverwaltung (z. B. Schulrat/-rätin, Schulaufsichtsbeamter/-in), in der Lehrerausbildung oder in verwandten pädagogischen Bereichen (z. B. Kita-Leitung, Lerntherapeut/-in) – liegen. Andere haben sich beruflich vollständig neu orientiert und sind etwa im Gesundheitswesen (z. B. Krankenpfleger/-in, Apotheker/-in), in Wirtschaft und Verwaltung (z. B. Personalreferent/-in, Abteilungsleitung Controlling), im IT-Bereich (z. B. IT-Administrator/-in, Softwarespezialist/-in) oder im künstlerisch-kreativen Bereich (z. B. freischaffende/-r Künstler/-in, Theatermusiker/-in, Journalist/-in) tätig.
Die durchschnittliche vertraglich vereinbarte Arbeitszeit der außerhalb des Lehrerberufs tätigen Personen liegt bei 31 Stunden pro Woche (SD = 10.70, Min = 4, Max = 42), während die tatsächliche wöchentliche Arbeitszeit im Mittel 35 Stunden beträgt (SD = 11.06, Min = 4, Max = 55).
BERUFLICHE WEGE IM ZEITLICHEN VERLAUF
Die Daten aus dem Projekt geben Einblicke in die Berufsverlaufsmuster der Teilnehmenden. Der berufliche Status wurde über 22 Jahre hinweg zu neun Messzeitpunkten erfasst. Dabei zeigen sich insgesamt 34 unterschiedliche Muster beruflicher Verläufe. Abbildung 3 gibt einen Überblick über die verschiedenen Berufswege. Jede Zeile zeigt ein Verlaufsmuster. Die Zahl links davon gibt jeweils an, wie viele Personen dieses Muster aufweisen. Die roten Felder (1) kennzeichnen eine Tätigkeit im Lehrerberuf, während die grauen Felder (0) einen Verbleib außerhalb des Lehrerberufs anzeigen. Jeder Farbwechsel innerhalb einer Zeile markiert einen beruflichen Wechsel.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die beruflichen Wege der Lehramtsabsolventinnen und ‑absolventen vielfältiger sind als häufig angenommen. Obwohl die größte Gruppe durchgängig im Lehrerberuf tätig ist, gibt es eine nicht unerhebliche Anzahl an Personen mit alternativen oder wechselnden Karriereverläufen.
3 SUBJEKTIVE MERKMALE BERUFLICHEN ERFOLGS
Beruflicher Erfolg lässt sich nicht nur anhand objektiver Kriterien, wie z. B. der beruflichen Situation, dem Gehalt, dem Beschäftigungsumfang oder dem Berufsprestige festmachen, sondern auch anhand subjektiver Kriterien bestimmen. Zu diesen weichen Faktoren von Berufserfolg zählt z. B. das Ausmaß an erlebter beruflicher Belastung, aber auch die Freude im Beruf.
BERUFLICHE BELASTUNG
In einer aktuellen Publikation haben wir die emotionale Erschöpfung von Lehrkräften – ein Merkmal von Burnout – im Zeitverlauf analysiert (Bleck et al., 2022). Die Ergebnisse zeigen, dass die emotionale Erschöpfung der Lehrpersonen zwischen dem Jahr 2017 (t9) und dem Frühjahr 2019 (t10) bedeutsam anstieg, während sie im darauffolgenden Jahr, das den Beginn der Pandemie und den ersten Lockdown umfasste (t11), überraschenderweise leicht abnahm.
Weitere Ergebnisse zur Entwicklung der emotionalen Erschöpfung finden Sie in unserer aktuellen Publikation Teachers' emotional exhaustion before and during the COVID-19 pandemic: Neither emotional exertion nor vacation feeling (Bleck & Lipowsky, 2022). Die langfristige Entwicklung des Belastungserleben von Lehrpersonen und anderweitig Erwerbstätigen von den frühen Berufsjahren bis zum Jahr 2017 können Sie der Publikation Gut begonnen, halb gewonnen? (Bleck, Weber & Lipowsky, 2019) entnehmen.
Doch wie hat sich die berufliche Belastung im weiteren Verlauf entwickelt?
ENTWICKLUNG DER BERUFLICHEN BELASTUNG
Vielfach wird betont, dass der Lehrerberuf mit einem hohen Belastungserleben einhergeht. Von besonderem Interesse ist daher auch der Vergleich zwischen Lehrpersonen und außerschulisch Erwerbstätigen während dieser außergewöhnlichen Zeit. Im Rahmen unseres Forschungsprojekts wurden die Teilnehmenden gebeten, auf einer siebenstufigen Skala (von 1 trifft überhaupt nicht zu bis 7 trifft völlig zu) anzugeben, wie sehr sie sich durch ihre berufliche Tätigkeit belastet fühlen (z. B. „Ich habe selten das Gefühl, einmal richtig abschalten zu können."). Betrachtet man die berufliche Belastung der Jahre 2019 (t10), 2020 (t11) und 2022 (t12) zeigt sich für Lehrpersonen (N = 196) und außerhalb des Lehrerberufs Tätige (N = 43) eine interessante – und zugleich problematische – Entwicklung (s. Abbildung 4).
Abbildung 4. Entwicklung der beruflichen Belastung
Im Jahr 2019 wiesen Lehrpersonen (M = 3.12, SD = 1.21) im Vergleich zu anderweitig Erwerbstätigen (M = 2.77, SD = 1.10) ein höheres Belastungsniveau auf. Im Sommer 2020, nach Beginn der COVID-19-Pandemie, verringerte sich dieser Unterschied leicht, wobei die Belastung bei Lehrpersonen geringfügig abnahm (M = 3.09, SD = 1.04), während sie bei anderweitig Erwerbstätigen anstieg (M = 2.95, SD = 1.00). Besonders auffällig ist der darauffolgende deutliche Anstieg des Belastungserlebens bei beiden Gruppen bis zum Jahr 2022, wobei die Differenz zwischen Lehrpersonen (M = 3.50, SD = 1.24) und anderweitig Erwerbstätigen (M = 3.25, SD = 1.11) wieder etwas größer wurde. Über die Zeit nimmt das berufliche Belastungserleben folglich bedeutsam zu. Die beruflichen Herausforderungen könnten im späteren Verlauf der Pandemie eine stärkere Wirkung entfaltet haben als zu Beginn der Krisensituation. Möglicherweise ist dies auf die anhaltende Beanspruchung über einen längeren Zeitraum zurückzuführen.
BELASTENDE ARBEITSBEDINGUNGEN VON LEHRERINNEN UND LEHRERN
Betrachtet man näher, welche Arbeitsbedingungen Lehrpersonen belasten (Prompt: Wie belastend sind die folgenden Aspekte für Sie?; Antwortmöglichkeiten von 1 überhaupt nicht belastend bis 7 sehr belastend), zeigt sich zwischen den Befragungszeitpunkten t10 und t11 ein deutlicher Wandel, der mit dem Beginn der COVID-19-Pandemie zusammenfällt. Dies verdeutlicht die nachfolgende Tabelle 1, die die Veränderungen der fünf stärksten Belastungsfaktoren zu den beiden Messzeitpunkten aufzeigt:
Tabelle 1. Belastende Arbeitsbedingungen von LehrpersonenBelastungsfaktor | M t10 | M t11 | Rang t10 | Rang t11 |
---|---|---|---|---|
Disziplinprobleme | 4.64 | 5.01 | 4 | 4 |
Große Klassen | 4.61 | 5.88 | 5 | 1 |
Lärm und Unruhe während des Unterrichts | 4.71 | 5.19 | 3 | 2 |
Mangelnde Motivation der Lernenden | 4.56 | 5.05 | 7 | 3 |
Neuerungen/Veränderungen im Schulsystem | 5.01 | 4.66 | 1 | 9 |
Verwaltungsarbeit | 4.58 | 4.85 | 6 | 5 |
Zeitdruck | 4.96 | 4.75 | 2 | 8 |
Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Verschiebung der belastend wirkenden Faktoren. Während vor Beginn der COVID-19-Pandemie Neuerungen und Veränderungen im Schulsystem sowie der Zeitdruck als am stärksten belastende Faktoren bewertet wurden, finden sich diese im Jahr 2020 nur auf den Plätzen 9 und 8. Zu t11 traten vielmehr unterrichtsbezogene Belastungsfaktoren in den Vordergrund: Insbesondere große Klassen sowie die mangelnde Motivation der Lernenden wurden deutlich stärker gewichtet. Lärm und Unruhe während des Unterrichts sowie Disziplinprobleme finden sich zwar zu beiden Zeitpunkten auf ähnlichen Plätzen, doch zeigen die Mittelwerte, dass diese Arbeitsbedingungen zu t11 mit einer deutlich höheren Belastung für die Lehrpersonen einhergehen.
Diese Veränderungen spiegeln die besonderen Herausforderungen des Unterrichtens unter Pandemiebedingungen wider, wo Abstandsregeln, Maskenpflicht und hygienische Maßnahmen die Klassenführung und den Umgang mit Motivationsproblemen der Schülerinnen und Schüler erheblich erschwerten. Besonders interessant wäre es die weiteren Entwicklungen nach Ende der Pandemie in den Blick zu nehmen. Hierzu liegen aktuell jedoch noch keine Daten vor.
3.2 DAS ERLEBEN VON FREUDE UND BEGEISTERUNG IM LEHRERBERUF
Während die berufliche Belastung mit ungünstigen motivationalen und emotionalen Prozessen verbunden ist, beschreibt der Lehrerenthusiasmus den Spaß und die Freude im Lehrerberuf. In unseren Erhebungen haben wir den Enthusiasmus für das Unterrichten untersucht, also die Freude an der Interaktion mit Schülerinnen und Schülern. Die Lehrpersonen wurden auf einer siebenstufigen Antwortskala (von 1 trifft überhaupt nicht zu bis 7 trifft völlig zu) nach ihrem Unterrichtsenthusiasmus befragt. Hierbei wurden Items wie „Ich genieße es wirklich zu unterrichten" verwendet.
Auch nach rund 20 Jahren im Beruf ist der Spaß und die Freude am Unterrichten zum Zeitpunkt t10 hoch ausgeprägt (M = 4.76, SD = 1.16). Dabei berichten Lehrerinnen (M = 4.85, SD = 1.21) gegenüber ihren männlichen Kollegen (M = 4.63, SD = 1.23) von einer etwas höheren Begeisterung für das Unterrichten. Mit Blick auf das studierte Lehramt weisen Absolventinnen und Absolventen des Grund- und Hauptschullehramts (M = 4.85, SD = 1.20) einen etwas höheren Enthusiasmus auf als Personen mit Realschullehramt (M = 4.73, SD = 1.25). Da die Unterschiede zwischen den Gruppen nur gering sind, scheint der hohe Enthusiasmus ein gemeinsames Merkmal von Lehrpersonen zu sein, das sich über verschiedene demographische Gruppen hinweg zeigt – selbst nach mehr als zwei Jahrzehnten Berufserfahrung und trotz der Herausforderungen im Beruf.
ENTWICKLUNG DES ENTHUSIASMUS
Betrachtet man die Entwicklung des Enthusiasmus für das Unterrichten über die drei Messzeitpunkte 2019 (t10), 2020 (t11) und 2022 (t12), zeigt sich eine bedeutsame Veränderung über die Zeit. Interessanterweise stieg der Enthusiasmus zu Beginn der COVID-19-Pandemie (t11) an (M = 4.98, SD = 1.13). Trotz der herausfordernden Umstände während der frühen Pandemie berichteten die Lehrpersonen also zwischen 2019 und Sommer 2020 von einer Zunahme ihrer Begeisterung – möglicherweise durch neue pädagogische Ansätze oder eine verstärkte Wertschätzung des direkten Kontakts mit den Lernenden. Im Anschluss daran – im Jahr 2022 (t12) – zeichnet sich ein Rückgang des Enthusiasmus auf das Ausgangsniveau ab (M = 4.77, SD = 1.29). Entsprechend berichten die Lehrkräfte zu allen Befragungen – selbst während der COVID-19-Pandemie (t11) und in der nachfolgenden Phase mit gestiegenem Belastungserleben (t12) – von einer hohen Begeisterung für das Unterrichten und die Interaktion mit den Lernenden.
ENTHUSIASMUS UND DIE BEGEISTERUNG DER SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER
Insgesamt gilt der Enthusiasmus als ein wichtiges Merkmal von Lehrpersonen. Dabei wird insbesondere dem Enthusiasmus für das Unterrichten eine hohe Bedeutung für das Erleben, aber auch das Verhalten im Beruf zugeschrieben. Doch wie wirkt sich der Lehrerenthusiasmus auf die wahrgenommene Begeisterung aus Sicht der Schülerinnen und Schüler sowie auf ihre Lernfreude aus? Ergebnisse hierzu liefert unsere Vertiefungsstudie (t8), im Rahmen derer nicht nur 47 Lehrkräfte, sondern auch von ihnen unterrichtete Klassen mit insgesamt rund 1.000 Schülerinnen und Schülern befragt wurden. Eine verständliche Zusammenfassung der Ergebnisse liefert das nachfolgende Video.
Zusammenfassend zeigt sich, dass das berufliche Erleben der Lehrkräfte auch für das Erleben der Lernenden bedeutsam ist: Der von Lehrkräften erlebte Enthusiasmus beeinflusst, wie enthusiastisch die Schülerinnen und Schüler die Lehrkräfte einschätzen und diese Schülereinschätzungen wirken sich wiederum auf die Lernfreude der Lernenden im Unterrichtsfach aus.